Die drei Beraterinnen Sarah, Laura und Bettina im Gespräch mit Juma-Lehrerin Ursula Schäublin.
Hoffnung und Motivation für die berufliche Integration in der Schweiz
Worauf freust du dich, wenn du zur Arbeit gehst?
Sarah:Ich freue mich immer, alle zu sehen, das Team, die Menschen.
Laura: Ja, das Team ist sehr cool. Ich freue mich darauf, immer etwas Neues zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln. Und vor allem darauf, Leuten zu helfen. Wenn ich so merke, dass man jemanden abholen kann. Die Person ist vielleicht vorher nervös. Und nach dem Coachinggespräch ist es weniger. Sie hat Hoffnung, freut sich und ist motiviert. Das ist megaschön.
Bettina: Ich kann mich da anschliessen. Ich finde auch, dass ich so viel Neues lerne. Ich habe so viele Berufe neu oder intensiver kennengelernt. Man kann Menschen so unterstützen und ihnen Hoffnung und eine gewisse Selbstbestimmung zurückgeben. Sie fühlen sich gesehen. Also mit kleinen, recht menschlichen Sachen kann man schon viel bewirken. Und das finde ich einfach jeden Tag so spannend und faszinierend.
Wer kommt ins Passepartout-Programm?
Sarah: Personen mit Migrationshintergund, in der Regel ohne Arbeitserfahrung in der Schweiz, die bereit sind für die berufliche Integration. Oder Personen, bei denen man dies abklärt und herausfindet, welche nächsten Schritte es gibt, damit sie hier beruflich einen Weg finden können. Meistens wird man über das kantonale Sozialamt angemeldet, manchmal auch von der Stadt oder Gemeinde.
Wie lange dauert das Passepartout-Programm?
Bettina: Grundsätzlich setzen wir die Einsätze auf sechs Monate an. Es kann aber auch kürzer oder länger ausfallen, je nach Bedarf. Wir treffen uns dann einmal pro Woche zu einem 50-minütigen Coaching-Termin.
Was macht ihr als Job-Coaches?
Sarah: Im Passepartout ist man intensiv mit den Personen unterwegs und versucht gemeinsam herauszufinden, welcher berufliche Weg für sie der richtige ist. Eben wie es unser Name schon sagt: Passe par tout. Alle sollen das für sie Passende finden.
Laura: Unsere Aufgabe ist auch, die Sozialberatung immer wieder aktiv mit ins Boot zu nehmen. Sehr bewährt hat sich hier ein runder Tisch mit Teilnehmer:in, Sozialberater:in und uns als Job-Coach.
Bettina: Wir führen die Coaching-Gespräche. Wir bereiten das Gespräch nach und dokumentieren es. Dann bereiten wir den nächsten Termin vor. Wir recherchieren, schreiben viele E-Mails, fragen Betriebe an, organisieren Schnuppereinsätze, stellen mit den Teilnehmer:innen Bewerbungsunterlagen zusammen. Ein sehr wichtiger Tätigkeitsbereich ist die Akquise von Firmen für Schnupper- und Arbeitseinsätze.
Wie kommt ihr an Firmen, die mit euch zusammenarbeiten?
Bettina: Wir arbeiten mit über 100 Partnern in der Berufswelt im Raum Schaffhausen, der näheren Region Zürich und Winterthur zusammen. Es gibt Firmen, mit denen wir regelmässig Kontakt haben und denen wir jemanden schicken dürfen. Wir haben Partner in allen Branchen: IT, Zahnärzte, Mediziner, Küche, Industrie, Handwerk … Ehrlichkeit ist die Basis für unsere Zusammenarbeit mit den Firmen. Wir sagen, wie der Stand bei unseren Teilnehmer:innen ist. Wir sagen, wie gut ihr Deutsch ist. Wir beschönigen nicht. So nach dem Motto: Ja, das geht schon. Ich glaube, das ist sehr wichtig für eine Firma, dass man weiss, wenn man jemanden schickt und sagt, die Person ist so und so, dass das dann auch stimmt.
Sarah: Firmen, die mit Teilnehmer:innen von uns eine gute Erfahrung gemacht haben, sind offen, weiteren Leuten eine Chance zu geben.
Laura: Wichtig ist, dass wir auch als Beraterinnen für Firmen fungieren. Wenn jemand dort im Praktikum ist, kann man jederzeit auf uns zukommen, wenn ein Problem auftritt. Wir sind aktive Ansprechpartner. Es ist unser Ziel, noch mehr Partner zu finden, mit denen wir zusammenarbeiten können.
Welche positiven Rückmeldungen habt ihr von den Betrieben, in denen eure Teilnehmer:innen im Einsatz waren?
Sarah: Eine Person bei mir im Coaching war ursprünglich Modedesignerin und konnte als Polygrafin schnuppern. Die Firma war vom Schnuppereinsatz so positiv überrascht, dass sie ihr einen Praktikumsplatz mit Aussicht auf Festanstellung angeboten hat. Das läuft jetzt wirklich positiv. Und die Firma hatte noch nie jemanden mit Migrationshintergrund oder mit irgendeinem anderen Status angestellt. Die Rückmeldung von ihnen war, dass sie mega froh sind, ihre jetzige Mitarbeiterin über uns beim Schnuppern kennengelernt zu haben.
Bettina: Immer wieder kommen auch Firmen auf uns zu und sagen: Wir haben eine Stelle offen. Hättet ihr jemanden? Oder: Ich kenne jemanden, der eine Firma hat, die eine Person von euch übernommen hat, mit der sie sehr positive Erfahrungen gemacht hat. Wir hätten jetzt auch einen Platz frei.
Was erlebt ihr als Herausforderungen?
Sarah: Herausfordernd ist es, wenn die Vorstellung von den Teilnehmer:innen noch weit entfernt ist von dem, was möglich ist. Es gibt Erwartungen des Sozialamts und der Teilnehmer:innen. Dann muss man schauen, was die Realität ist, und einen Weg finden, der für alle passt.
Bettina: Es ist manchmal ein bisschen schwierig mit den Ämtern. So wie Sarah gesagt hat, der Abgleich, was wollen die Teilnehmer:innen, was will das Sozialamt und was ist realistisch. Dann war bei Schutzstatus S lang die Herausforderung, dass das Passepartout-Programm bewilligungspflichtig war und wir nur sehr eingeschränkt unterstützen konnten. Das hat die Integration anspruchsvoller und schwieriger gemacht.
Laura: Ja, wir müssen neuerdings schriftlich darlegen, wieso eine Person einen Deutschkurs und ein Sprachzertifikat braucht. Ich finde, die Sprache ist das A und O. Dann kannst du dich auch wirklich integrieren und das öffnet dir die Türe. Gut qualifizierte Leute können mit einem B1-Niveau viele Berufe, für die sie kognitiv und auch in Bezug auf ihr Wissen geeignet wären, nicht anstreben. Wir bräuchten auch bei den weiterführenden Sprachkursen B2 und C1 starke Unterstützung.
Wie geht ihr vor, wenn die Erwartungen und Ziele der Teilnehmer:innen weit vom Erreichbaren abweichen?
Laura: Ich sage gerne: OK, das ist super, dass Sie so ambitionierte Ziele haben. Man kann alles erreichen, wenn man es wirklich will. Es ist eine Frage, wie viel man investiert. Wie viel Zeit gibt man sich? Kann die Person akzeptieren, nochmal bei Null anzufangen? Wichtig ist, einen Weg aufzuzeichnen und zu zeigen, was man alles für das Ziel braucht. Manchmal braucht es auch einen Realitätscheck. Die Leute machen beim Schnuppern selbst Erfahrungen und erhalten Rückmeldungen von Fachpersonen aus der Arbeitswelt.
Bettina: Zwischenschritte, Zwischenziele! Wenn jetzt mein Plan A noch nicht möglich ist, miteinander anschauen: wie komme ich dorthin? Welchen Job kann ich jetzt suchen, der mir langfristig dabei hilft, zu meinem Ziel zu kommen? Oder halt doch mal den Traumjob fürs Erste aufgeben und Plan B oder Plan C machen, der einen auch interessiert. Was wir nicht wollen, ist, dass jemand dann schlussendlich Plan Z machen muss. Dass irgendetwas gemacht wird, will die Person aber eigentlich gar nicht. Und es hat auch keine Zukunft.
Welche Erfolgsgeschichten habt ihr schon erlebt?
Bettina: Ich finde, jede vermittelte Person, die wenigstens einen Plan B oder Plan C umsetzen kann, ist eine Erfolgsstory. Sie hat damit eine Perspektive und eine Zukunft. Sie ist auf dem Weg zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Das ist für mich eine Erfolgsstory.
Sarah: Wenn das, was ein:e Teilnehmer:in beruflich wirklich will, dann klappt, dann ist es mega.
Laura: Ich finde es immer schön, wenn die Teilnehmer:innen sagen: Ja, ich habe etwas gelernt. Ich verstehe jetzt besser: Wie ist der Arbeitsmarkt in der Schweiz? Wie bewirbt man sich? Worauf muss man achten? Ich konnte profitieren. Ich habe jetzt mehr Auftrittskompetenz. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Was ist euch wichtig? Was wünscht ihr euch?
Bettina: Es passiert sehr viel Schlimmes in der Welt und man fühlt sich machtlos. Ich kann nicht dafür sorgen, dass Kriege, Gewalt und Armut aufhören. Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass ich die Personen unterstützen kann, die hierher kommen. Ich fühle mich nicht mehr so ohnmächtig. Ich lerne von der Resilienz meiner Teilnehmer:innen. Wer ist resilienter als eine Person, die im Heimatland existentiell kämpfen musste, fliehen musste, allenfalls einen Horrorweg hinter sich hat, in die Schweiz kommt, sich in einer neuen Kultur zurechtfindet und eine neue Sprache lernt? Alles ist neu. Man kennt niemanden. Und diese Person steht jetzt da, hat Deutsch gelernt, will eine Ausbildung machen und arbeiten. Also, sie ist aufgestanden.
Sarah: Ich wünsche mir von Arbeitgeber:innen die Offenheit und den Mut, Menschen mit Migrationshintergrund einzuladen. Diesen Schritt einfach mal probieren. Unsere Teilnehmer:innen wollen, aber man lässt sie oft gar nicht.
Laura: Ich wünsche mir, dass wir den Menschen, die hierhergekommen sind, auf Augenhöhe und mit Offenheit begegnen und ihnen eine Chance geben. Es sind Menschen mit Geschichte und Schicksal und mit ganz viel Potenzial.
Vielen Dank für diese spannenden Insights!











